Sie sollte nicht so eifersüchtig sein

Über Patchwork, Eifersucht und den Weg zu mir selbst

Gerade komme ich zurück aus dem Urlaub mit meiner Patchworkfamilie bestehend aus meinem Partner, seinem älteren Sohn und seiner jüngeren Tochter.

Der Urlaub war sehr schön und gleichzeitig gab es immer wieder Momente oder Sequenzen von Eifersucht – ein Gefühl, das laut Studien nur 17 % der deutschen Bevölkerung nicht kennt.

Da ich mir recht bewusst bin, dass die Kinder immer noch, mal mehr und mal weniger, mit der Trennung der Eltern beschäftigt sind, versuche ich, die Kinder so gut es mir gelingt in den Vordergrund zu stellen, wenn die Kinderwoche ist. Ich halte mich also zurück was Händchenhalten & Co angeht, achte mehr auf die Kinder als auf meinen Partner und lasse Raum, so dass der Mann, der versucht, drei Menschen gerecht zu werden, immer ein bis zwei Hände frei hat für die Kinder.

Und dann passiert es.

Wir gehen zum Mittagesssen in ein Restaurant. Tochter läuft los, um sich ihren Lieblingsplatz zu sichern auf einer Bank am Fenster und reserviert gleich die Plätze neben sich mit den Worten: “Und hier du, Papa.” Zur anderen Seite sitzt ihr Cousin.

Autsch, Treffer, versenkt.

Tränen schiessen mir in die Augen.
Was habe ich gehört? “Nicht Du hier, Kerstin.”…
Jetzt bloss nicht losheulen vor der ganzen Truppe, beherrsche dich, ist doch nicht so schlimm, kannst du doch verstehen, dass sie will, dass Papa neben ihr sitzt, ist doch nicht gegen dich, ist doch nur für Papa…

Rational kann ich das alles gut verpacken und behalte meine Fassung.
Bis zum kommenden Morgen, da laufen dann im Bett die Tränen. Da läuft er wieder der alte Film, der schon so oft in meinem Kopfkino lief…

Glaubenssätze wie:

-       ich gehöre nicht dazu,
-       die drei sind eine Familie,
-       ich gehöre nicht wirklich dazu.
-       Für die Kinder bin ich nur die Freundin von Papa.
-       Als Familienmitglied werden mich erst die Kinder der Kinder sehen, wenn sie mal welche haben sollten, und ich dann um die 60 bin…

Und als wenn das alles noch nicht reichen würde an Stress, kommt dann noch der innere Kritiker oben drauf:

-       du bist erwachsen und solltest vernünftiger sein als das Mädchen
-       du bist Coach und solltest mit der Situation professioneller umgehen können
-       nicht schon wieder dieser Film, den hattest du doch schon

Also frage ich mich, was denn eigentlich genau das Problem ist, also genauer gesagt, welcher Gedanke dieses miese Gefühl von nicht Dazugehören auslöst.

“Sie sollte nicht so eifersüchtig sein.”

Ich entschloss mich, den Wahrheitsgehalt dieses Gedanken mit Hilfe von The Work of Byron Katie zu überprüfen. Eine Work besteht aus vier Fragen und einigen Perspektivwechseln.

Los geht es mit den Fragen:
Kerstin, in der Situation im Restaurant als sie sagt, “Du hier Papa.”
“Sie sollte nicht so eifersüchtig sein.”

1.    Ist das wahr?

In meinem Kopf schreit es laut “Ja”. Ich warte noch, und höre noch ein paar Mal, ja, ja, ja…
Ich gehe weiter zur zweiten Frage:

2.    Kerstin, kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist, dass sie nicht so eifersüchtig sein sollte, da in dem Moment im Restaurant?

Ich atme ein, ich atme aus, der Kopf fragt, im Herz bahnt sich langsam eine Antwort heran… ich nehme wahr, mein Herz sagt “nein” – ich kann es nicht mit absoluter Sicherheit wissen.

3.    Wie reagierst du und was passiert in dem Moment im Restaurant, wenn du glaubst, dass sie nicht so eifersüchtig sein sollte und sie sagt: Hier Du Papa.?

Ich bin enttäuscht, verletzt, traurig, könnte heulen, lehne sie ab, mag ihr gar nicht in die Augen sehen, fühle mich im Stich gelassen und ausgenutzt, fühle mich unloyal behandelt und würde am liebsten weglaufen und allein sein.

4.    Kerstin, wer wärst du ohne den Gedanken in dem Moment im Restaurant, wenn  du nicht glauben würdest, dass sie nicht so eifersüchtig sein sollte?

Ich wäre entspannt, würde einfach neutral ihren Wunsch wahrnehmen, dass sie am liebsten möchte, dass ihr Papa neben ihr sitzt, ich würde Verständnis haben für sie, würde sehen, dass sie mit ihrem Papa nur die Hälfte ihrer Lebenszeit verbringt und ich jede Woche mit ihrem Papa lebe,  ich würde sehen, dass sie ihren Papa nicht nur mit mir teilt sondern auch noch mit ihrem Bruder, ich würde meine Aufmerksamkeit auf die anderen in der Gruppe richten, auf das Restaurant, auf mich, und nicht nur auf sie, ich würde nicht von ihr erwarten, dass sie mich an die gleiche Stelle setzt wie ihre Eltern, ich würde nicht erwarten, dass sie mich genauso viel liebt, ich wäre ok und vollständig.

So viel für den Moment zu den vier Fragen . Nun geht  es weiter zu den Perspektivwechseln.

1.    Umkehrung ins Gegenteil:

Aus “Sie sollte nicht so eifersüchtig sein” wird die erste sogenannte “Umkehrung” ins Gegenteil: Sie sollte so eifersüchtig sein. Nun gehe ich auf die Suche nach 3 Beispielen, dass das auch wahr oder vielleicht sogar wahrer ist.

1.     Sie sollte so eifersüchtig sein. Ja, sie ist erst 11 und ich kann mich nicht mehr erinnern wie viel oder wenig eifersüchtig ich mit 11 war.

2.     Sie sollte so eifersüchtig sein. Ich weiss nicht mal, ob das Eifersucht ihrerseits war oder einfach nur der Wunsch: ich möchte meinen Papa neben mir haben.

3.     Sie sollte so eifersüchtig sein, da mir das gerade hilft meinem eigenen Eifersuchtsthema auf die Spur zu kommen.

2. Umkehrung: Zu mir selbst: Ich sollte nicht so eifersüchtig sein.

Hier geht es darum, zu sehen, wie ich selbst genau das tue, was ich ihr vorwerfe.

1.     Ja, ich sollte nicht so eifersüchtig sein, denn in mir ging ja der ganze Film los von “ich gehöre nicht dazu.”

2.     Ich habe einen Vater und eine Mutter, die immer noch leben und noch zusammen sind und mich lieben. Eine Schwester, und Neffen, einen Partner und 2 Stiefkinder, die mich auch lieben, auf ihre Weise. In meinem Leben ist so viel Fülle… Ich sollte nicht so eifersüchtig sein.

3.     Ich sollte nicht so eifersüchtig sein. Ja, denn in den Ferien verbringe ich mehr Zeit mit den Kindern als ihre Eltern, die beide viel ausser Haus arbeiten. Und mein Partner hat mir noch nie gesagt, dass er eifersüchtig auf mich ist. Ich sollte grosszügiger sein und nicht so eifersüchtig.

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, mit den Umkehrungen zu variieren. Mir reicht es für den Moment.

Ist es nicht erstaunlich, welchen emotionalen Lawineneffekt ein einziger Gedanke auslösen kann wie “Sie sollte nicht so eifersüchtig sein.”?

Gespräch unter Frauen

Am nächsten Tag war sie traurig wegen etwas.
Wir zogen uns zurück zum Gespräch unter Frauen.

In Tränen aufgelöst erklärte sie mir, dass sie wenig Zeit mit ihrem Papa hat und als ich dieses kleine, süße Mädchen mit ihren großen, braunen Kulleraugen da so sitzen sah mit all ihren Gefühlen, die sie übermannten, sah ich auch mich, mit 11 wie ich immer wartete, dass mein Papa nach Hause kam, der sehr wenig Zeit für uns hatte, da er viel arbeitete.

Ich sah wie natürlich es war, was in ihr passierte, und was damals als Kind in mir passierte und gestern als ich in das Kopfkissen weinte…

Ich sagte in unserem Frauengespräch zu ihr:
Dein Papa liebt dich, deine Mama liebt dich, dein Bruder liebt dich, ich liebe dich. Alle lieben dich. Das ist das einzige was zählt. Was dann an der Oberfläche passiert, ein Blick, ein Wort, eine Tat… alles nicht so entscheidend. Entscheidend ist zu wissen, dass ich geliebt bin. Byron Katie sagt: “Alles, was du sagst, musst du selbst am meisten hören.” Hm… ja, so war es wohl, das waren wohl die Worte, die mir am Vortag geholfen hätten, aus meiner Trauer auszusteigen… was war schon dabei, neben wem sie wann sitzen wollte?…

Entscheidend ist, ich liebe sie, eifersüchtig oder nicht…

“Was ich möchte ist, dass mein Leben ein Statement aus Liebe und Mitgefühl ist. Und wo es das noch nicht ist, da liegt meine Arbeit.” Ram Dass

Was ich in diesen Tagen gelernt habe ist, dass wir alle unsere Dramen in uns tragen, und dass diese alten Geschichten immer wieder getriggert werden, durch irgendetwas, das an der Oberfläche passiert. Und dann höre ich durch meinen Filter: “Ich gehöre nicht dazu” und höre “Kerstin, nicht du.” statt das, was gesagt wurde “Papa, hier du.”

Ich freue mich auf die nächste Eifersuchtsattacke, ihre oder meine…

Dann kann ich prüfen, ob noch Arbeit da ist und üben, liebevoll mit mir und meinem Gegenüber umzugehen, statt zum Opfer meiner ungeprüften Gedanken zu werden.

Text: Kerstin Esser
Foto: Willi Klingebiel

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