Sie sollten nicht streiten. Ist das wahr?

Jede zweite Woche lebe ich mit den beiden Kindern meines Partners zusammen. Die Kinderwoche steht oft in einen starken Kontrast zu unserer sehr friedlichen und harmonischen Paarwoche.

“Sie sollten nicht streiten.” – der Gedanke bezieht sich einerseits auf die Streits zwischen den Geschwistern und andererseits auf die Streits zwischen Vater und Sohn – das liebe Handy, die Playstation… andauernd gibt es Stress und Streit deswegen.

Bis vor kurzem habe ich oft unter all diesen Streitigkeiten gelitten, es hat mich genervt, es hat mich wütend gemacht, auch verzweifelt… genauer gesagt, nicht die Streitigkeiten haben mich so fühlen lassen, sondern meine Gedanken über die Streitigkeiten. Der Gedanke “Sie sollten nicht streiten.” hat mich immer wieder aus meiner Mitte geholt, wenn es Streit Zuhause gab.

Warum stressen mich die Streits so?
Neulich, nach so einem Streit, war ich allein zu Hause und überlegte, warum mich diese Streits eigentlich so stressen. Zumal sie ja nicht einmal etwas mit mir zu tun haben, meine drei Familienmitglieder streiten sich ja nicht mir mir, sondern untereinander.

Auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Na klar, da war die Erinnerung an meine Kindheit. Meine Eltern haben sich wie wohl die meisten Eltern auch gestritten und manchmal auch laut. Und da tauchte aufeinmal ein Bild auf, das ich als Kind oft hatte. Das Bild ist, dass ich die Treppe herunterkomme in meinem Elternhaus und meine Eltern unten im Flur stehen. Sie sind sehr ernst und sagen:”Kerstin, wir werden uns scheiden lassen. Du musst Dich jetzt entscheiden, mit wem Du leben willst.” Und diese Szene hat sich unendliche Male in meinem Kopf wiederholt, und ich reagierte darauf mit Angst. Angst, mich nicht entscheiden zu können, da ich weder Papa noch Mama enttäuschen wollte. Angst, unsere Familie ,wie ich sie kannte, zu verlieren.

Mein System reagierte auf eine Erinnerung aus der Vergangenheit.
Auf einmal verstand ich, wieso mein System jetzt so heftig auf die Streitigkeiten bei uns zu Hause auf Mallorca reagierte. Es wurde nur eine alte Wunde getriggert, die noch nicht geheilt war. Mein System reagierte auf eine Erinnerung aus der Vergangenheit und nicht auf das Hier und Jetzt. In meinem Kopf wurde damals als ich klein war eine Verbindung konstruiert: “Achtung Streit = Gefahr von Trennung.”  Das Thema Streit wurde von meinem System als negativ eingestuft, By the way, meine Eltern haben sich nie scheiden lassen und leben heute immer noch zusammen…

The Work in Aktion
Ich hinterfragte also die Annahme “Sie sollten nicht streiten.” mit The Work.
Bei den Perspektivwechseln habe ich folgende Entdeckungen gemacht, die ich mit dir teilen möchte.

Erste Umkehrung (The Work Fachjargon = Perspektivenwechsel)
Sie sollten streiten.

1.     Beispiel:  Sie sollten streiten, da es der Realität entspricht.
2.     Beispiel: Sie sind es so gewohnt, die Mallorquiner sind schnell lauter, emotionaler als die Deutschen, sie kennen es so aus ihrer Sozialisierung.
3.     Ich kann mit meinem begrenzten Verstand gar nicht wissen, ob es besser für sie wäre, nicht zu streiten. Neulich las ich in einer Studie, dass Geschwister, die sich in ihrer Kindheit und Jugend viel gestritten haben als Erwachsene eine engere Beziehung zueinander haben.
4.     Ich habe mich als Kind viel mit meiner Schwester gestritten und wir haben schon sehr lange ein sehr gutes Verhältnis.

Zweite Umkehrung:
Ich sollte nicht streiten.

1.     Beispiel: Ja, wenn das meinen Werten entspricht, darf ich das leben, die anderen müssen das nicht.
2.     Beispiel: Ja, ich sollte nicht mit der Realität streiten, vor allem dann nicht, wenn es um mich herum gerade Streit gibt.
3.     Ich sollte nicht mit ihnen streiten, wenn sie streiten, sondern meine stressvollen Gedanken überprüfen und nicht emotional auf ihren Stress reagieren.

Wunder geschehen…
Und es ist mal wieder eines dieser Work-Wunder passiert. Nachdem ich den Zusammenhang erkannt hatte, nachdem mir klar geworden war, dass die Streits nicht der Grund für meine Gefühle waren, nachdem ich in den Umkehrungen gesehen habe, dass die Gegenteile mindestens genauso wahr sind wie meine ursprüngliche Überzeugung, dass sie nicht streiten sollten, na rate mal, was dann passiert ist?

Kein hoher Puls, keine Adrenalinauschüttung
Genau, sie streiten sich viel weniger, oder in meiner Wahrnehmung erscheint es mir so. Und es gab auch den einen oder anderen Streit, und ich bemerkte in mir ganz viel Ruhe. Kein Puls, der auf einmal in die Schnelle schlug, keine Adrenalinausschüttung… alles ganz harmlos. Reibungswärme, Lernprozesse auf allen Seiten, Gefühle, die rauswollten, Menschen, die ihre Gedanken glauben und darauf heftig reagieren… es war magisch.

Vielleicht unterstützt dich diese Entdeckung, das nächste Mal, wenn du starken Stress mit etwas hast, zu schauen, was da genau da bei dir getriggert wird? Welche alte Geschichte im Untergrund des Unbewussten da noch vor sich hin brodelt? Welche Situtionen aus Deiner Kindheit auftauchen, wenn du ganz langsam noch mal das Ganze Revue passieren lässt?

Das alles hat für mich einmal mehr bestätigt:

“Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen,
sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.”
Epiktet

Viel Neugierde beim nächsten Streit und bis zum nächsten stressvollen Gedanken ;-)

Alles Liebe

Kerstin

Foto: Willi Klingebiel

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