Wenn das Wörtchen wenn nicht wär… dann wär mein Vater Millionär…

So oder so ähnlich erinnere ich dieses Sprichwort aus meiner Kindheit.

Ich sitze gerade in einem Flugzeug, bin auf dem Rückweg aus dem Sommerurlaub in Portugal nach Hause – nach Mallorca. Neben mir hält mein wunderbarer Partner ein Nickerchen. Und da entstand gerade die Idee, doch die Zeit zu nutzen und etwas Neues für den Blog zu schreiben. Ich überlegte und überlegte, über welche stressvollen Gedanken ich etwas schreiben könnte. Und mir fiel nicht wirklich etwas Stressvolles ein. Das ist ja erst einmal eine gute Nachricht, denn es gab Zeiten, da konnte ich mich vor lauter stressvollen Gedanken gar nicht retten und hatte wohl eher Schwierigkeiten etwas zu finden in meinem Leben, wovon ich hätte sagen können, dass es gut lief… Das war, bevor The Work of Byron Katie mein Wegbegleiter wurde und mich Schritt für Schritt unterstützte, ein glückliches und friedliches Leben zu führen, das mir entspricht.

Also, was hat es denn jetzt mit dem Wörtchen “wenn” auf sich?

Während ich eben auf der Suche nach stressvollen Gedanken war und keine fand, tauchte auf einmal der Gedanke auf, der seit ca. 4-5 Jahren ein alter Bekannter ist: “Wenn ich ein eigenes Kind hätte, dann wäre mein Lebenszweck erfüllt.” Ich merke gerade große Widerstände, diesen Gedanken mit dir zu teilen und ich bemerke noch mehr Widerstände, genau da hinzuschauen und zu untersuchen, ob das wahr ist: “Wenn ich ein eigenes Kind hätte, dann wäre mein Lebenszweck erfüllt.”

Ui, ui, ui… da lauert anscheinend sogar ein ganzes Nest von schmerzvollen Gedanken:

-       Ich brauche ein eigenes Kind, um wirklich glücklich zu sein.
-       Wenn ich mich jetzt mit 40 nicht darum kümmere, werde ich mir in ein paar Jahren große Vorwürfe machen.
-       Ohne eigenes Kind bin ich keine wirkliche Frau.
-       Ohne eigenes Kind werde ich nie für jemanden eine Mutter sein.
-       Muttersein ist das Schönste, was es gibt für eine Frau.
-       Ich verpasse etwas, wenn ich nie Mutter sein werde.

Und da könnte ich wahrscheinlich noch mehr Gedanken finden. Mir reicht das erst einmal für den Moment. So, nun werden vielleicht einige Leser*innen sagen: “Ja, das stimmt ja auch alles.” Andere werden erkennen, dass ich unter nicht hinterfragten Gedanken leide. Also ich leide nicht unter der Realität an sich, dass ich keine eigenen Kinder habe, sondern ich leide unter dem Gedanken: “Wenn ich ein eigenes Kind hätte, dann wäre mein Lebenszweck erfüllt.” Denn bis ich diesen Gedanken bemerkte, war ich ein Glückspilz. Ich sitze in einem Flugzeug neben meinem wunderbaren Partner nach einer richtig schönen Urlaubswoche in Portugal, mit Vorfreude auf Zuhause und unseren Alltag, den ich sehr mag, mit Vorfreude auf meine Arbeit in der kommenden Woche, mit Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Kindern meines Partners, die ab morgen wieder eine Woche bei uns sind wie jede zweite Woche… also bis ich auf die Suche nach diesen Gedanken ging, war alles wunderbar. Ich war, wie Byron Katie manchmal sagt, im Paradies. Und dann kommt ein unschuldiger Gedanke daher, und zack, ist das Paradies verschwunden. Zum Glück gibt es einen Weg, jeden einzelnen Gedanken, der uns aus dem Paradies vertreibt, genau zu untersuchen und zu überprüfen, ob diese Geschichte wirklich wahr ist. Dieser Weg ist The Work of Byron Katie, eine Methode, eine Lebenshaltung oder auch neue Art mit seinem Denken umzugehen. Wenn du magst, werde ich dich nun mitnehmen auf diese Reise, auf der ich herausfinden will, ob es wahr ist: “Wenn ich ein eigenes Kind hätte, dann wäre mein Lebenzweck erfüllt.”

Die Reise beginnt:

1. Frage:
Kerstin, “Wenn du ein eigenes Kind hättest, dann wäre dein Lebenzweck erfüllt.”

Ist das wahr?

Ich schliesse die Augen und gebe mir Zeit. Der Kopf sagt sehr schnell “ja”. Ich schliesse die Augen erneut und lasse mir noch mehr Zeit. Es geht hin und her, “ja”, “nein”, “ja”… also ich bleibe bei einem “ja”, das fühlt sich im Moment am stärksten an.

Es folgte die 2. Frage: Kerstin, “Wenn du ein eigenes Kind hättest, dann wäre dein Lebenzweck erfüllt.”

Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

Ich schliesse erneut die Augen und warte auf eine Antwort, die aus der Tiefe meines Inneren kommt. Aus der Herzgegend vielleicht – jedenfalls nicht aus dem Kopf, nicht aus dem schnellen schnatternden Verstand, der so oft alles meint zu wissen und permament etikettiert und bewertet. Ich warte also…

Die Antwort ist: “Nein.”

Es geht weiter. Frage 3: Kerstin, wie reagierst du, was passiert, wenn du glaubst “Wenn du ein eigenes Kind hättest, dann wäre dein Lebenzweck erfüllt.”?

Ich gerate sofort in den Mangel, beobachte die Familien um mich herum, speziell die Mütter im Flugzeug mit Neid, ich fühle eine Leere, eine Traurigkeit in mir, schaue meinen Partner an und habe unfreundliche Gedanken über ihn, ich vergleiche andere Männer, die mit ihren Frauen verreisen und kinderlos sind und sehe in meiner Phantasie, wie sie alle eine Familie gründen, nur ich nicht. Ich zweifele, ob ich einen Fehler mache in meinem Leben, indem ich mich nicht stärker für diese Möglichkeit eines eigenen Kindes einsetze, ich bin unruhig, habe ein Ziehen in der Magengegend, werde immer unzufriedener, ohnmächtig, hilflos, ratlos, ängstlich…

Frage 4: Kerstin, wer wärest du ohne diesen Gedanken “Wenn ich ein eigenes Kind hätte, dann wäre mein Lebenszweck erfüllt.”?

Ich wäre genauso glücklich und zufrieden wie in der Sekunde bevor dieser Gedanke sich in meinem Bewusstsein breit machte. Leicht, zufrieden, dankbar für all die Freiheit in meinem Leben, die Zeit für mich, die Möglichkeit, meinen Traumberuf zu leben, ich würde sehen, wie ich auf einer Ebene meinen Lebenszweck erfüllt habe. Ich bin sogar amüsiert über die Idee, dass es so etwas wie einen Lebenszweck geben könnte. Ich sehe die riesengroße Geschichte, die dahintersteckt. Ich würde bemerken, wie oft ich in letzter Zeit genervt bin, wenn Kinder um mich herum schreien, sich streiten, die ganze Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich ziehen und ich immer öfter denke, dass ich verschont geblieben bin auf eine gewisse Art und Weise. Und ich könnte mein Herz für Tonis Kinder noch mehr öffnen, ohne die Geschichte, dass ich ein eigenes Kind brauche, ohne die Geschichte, deine Kinder, keine Kinder… wenn ich einfach nur diese beiden Wesen sehen würde, die jeden zweiten Montag zu uns kommen und eine Woche bei uns bleiben. Ich würde sehen, dass ich seit ein paar Jahren, die Hälfte meiner Lebenszeit mit zwei Kindern verbringe, die ich bekoche, deren Wäsche ich wasche, mit denen ich spiele, mich streite, die ich ab und zu ins Bett bringe, mit ihnen spreche, ihnen Küsschen gebe und sie in den Arm nehme, wenn sie mich lassen… Ich wäre erfüllt von Dankbarkeit für so viel Fülle und Abwechslung in meinem Leben, würde die Worte meiner jüngeren Schwester hören, die zwei wunderbare Söhne hat, wenn sie scherzt und sagt, dass sie in ihrem nächsten Leben, die große Schwester sein wird, die auf Mallorca lebt und arbeitet… Ich würde sehen, wie oft ich mich während oder nach meiner Arbeit mit Klienten erfüllt und glücklich fühle… ohne den Gedanken, nehme ich nur Fülle wahr.

Ok, nachdem ich nun den vier Fragen von Byron Katie Raum gegeben habe, komme ich nun zu den sogenannten Umkehrungen. Nun ist der Moment gekommen, zu schauen, wie genau das Gegenteil des ursprünglichen Gedanken auch wahr sein könnte.

Der ursprüngliche Gedanke ist: “Wenn ich ein eigenes Kind habe, dann ist mein Lebenzweck erfüllt.”

Meine erste Umkehrung ist:

“Wenn ich kein eigenes Kind habe, dann ist mein Lebenszweck erfüllt.”

1. Beispiel:
Ich fühle meinen Lebenszweck jetzt schon erfüllt und habe mehrmals gespürt, dass es in Ordnung wäre, jetzt zu sterben.

2. Beispiel:
Ich bin montags manchmal froh, wenn eine kinderfreie Woche anfängt und habe in den kinderfreien Wochen nie ein Gefühl von Langeweile oder einem nicht erfüllten Lebenszweck.

3. Beispiel:
Ich höre auch desöfteren von Klienten, die Kinder haben, dass sie auf der Suche nach ihrem Lebenszweck sind. Die Lösung dieser Frage kann also nicht ausschliesslich mit eigenen Kindern beantwortet werden.

Meine zweite Umkehrung ist:

“Wenn ich ein eigenes Kind habe, dann ist mein Lebenzweck nicht erfüllt.”

1. Beispiel:
Ja, das kann ich mir auch vorstellen. Und habe das ehrlicherweise schon oft gedacht. Angenommen, ich würde doch ein eigenes Kind bekommen, und wäre nach nun 40 Jahren nur für mich verantwortlich sein auf einmal 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, mich um ein kleines Wesen zu kümmern, könnte es sein, dass mein Verstand mir dann die Geschichte erzählt, dass ich nun meinen Lebenszweck nicht mehr erfülle.

2. Beispiel:
Ich kenne vielen Menschen, die keine Kinder haben und sehr glücklich sind und von manchen weiss ich, dass sie sich absolut erfüllt fühlen ohne Kinder. Also kann es nur eine mentale Verknüpfung sein, den erfüllten Lebenszweck davon abhängig zu machen, ob man Kinder hat oder nicht.  Und ich kenne Eltern, die ihren Lebenszweck trotz der Kinder nicht als erfüllt erleben – also muss es ein mentales Konstrukt sein.

3. Beispiel:
Vielleicht ist mein Lebenszweck, wenn man daran glauben will, dass es einen gibt, frei zu sein von Geschichten, immer mehr darin verankert zu sein, das zu lieben was ist, Identifikationen und Verstrickungen aufzulösen und im jetzigen Moment ein lebendes Ja zu sein – a living yes, wie Katie sagt.

Meine dritte Umkehrung ist: “Wenn ich meinen Lebenszweck erfüllt habe, dann bin ich mein eigenes Kind.”

Hm, auf den ersten Blick wirkt das etwas schräg… Beim näheren Hinspüren kommt mir das:

1. Beispiel:
Wenn ich mich voll auf das Hier und Jetzt konzentriere, im jetzigen Moment mein Bestes gebe, dann kümmere ich mich wunderbar um mich, vielleicht um mein inneres Kind, dann bin ich mir selbst eine Mutter.

2. Beispiel:
Wenn ich meinen Lebenszweck für mich finde und erfülle, dann braucht es nichts weiter im Aussen und dann kann ich einfach mein Kind sein. Ohne Pflichten, ohne Zweck, dann gibt es nichts zu tun ausser, da zu sein, zu leben und zu lieben.

3. Beispiel:
Vielleicht fällt dir eins ein? Ich würde mich freuen, wenn du es mit mir teilst.

Was mir durch diese Work bewusst wird, ist, wie ich durch einen nicht hinterfragten Gedanken, die Fülle im Hier und Jetzt verpasse, wie mein Verstand diese wenn…dann… Konstruktionen baut, die mich sofort aus dem Paradies vertreiben. Mir wird bewusst, wie ich meine jetzige Familie herabsetze, so als wenn sie nicht genug sind für mich, als wenn ich noch mehr bräuchte. Byron Katie hat in einem Video gesagt, “für diejenigen unter euch die Single sind, das ist das, womit ihr im Moment in der Lage seid umzugehen (for those of you who are singles, that is all you can handle right now)” – und wenn ich das auf meine Lebenssituation übertrage: Ich bekomme immer das, womit ich in der Lage bin umzugehen – und das sind im Moment “meine” wunderbaren Patchworkkinder, die alle meine Knöpfe drücken, die ich noch nicht gelöst habe.

In diesem Sinne: Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, dann wär ich dem Paradies näher.

Und vielleicht kennst du ja auch einige dieser wenn-dann Konstruktionen aus deinem Leben. Viel Spass beim Untersuchen!

In Verbundenheit

Kerstin 

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